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Wettbewerb - Nördliche Wallhalbinsel in der Hansestadt Lübeck

Analyse der städtebaulichen Eigenart und der Typologien

Die nördliche Wallhalbinsel stellt für die Stadt Lübeck einen ganz eigenen Mikrokosmos dar, in dem sich alle prägenden Elemente eines industriell geprägten Hafens erhalten haben und unmittelbar aus sich heraus wirken können. Diese „eigene Welt“ steht in unmittelbarem räumlichen Zusammenhang mit der historischen Stadt, zu der sie einen reizvollen Kontrast bildet. Der „Genius loci“ wird im Folgenden analysiert und beschrieben, um daraus das Konzept für die Entwicklung abzuleiten.

Typus Schuppen Hier sind die flachen Schuppen zu finden, in denen sich das Laden, Löschen und Umverteilen der Hafengüter einen städtebaulichen und architektonischen Ausdruck verschafft hat. Die enorme Flächenausdehnung der Schuppen wird im Schwarzplan besonders deutlich: ein Schuppen entspricht in der Länge den Raumkanten eines ganzen Baublocks der Altstadt. Die Baumassen stehen parallel zu den Kaikanten, ihre Gebäudehüllen folgen genau dem Gleisverlauf, an dem sie angelagert sind. Dieser zunächst funktionale Aspekt des gleichbleibenden Abstandes zwischen Gleisen und Schuppen hat zu den gebogenen (Kaufmannsspeicher) oder abgeschnittenen (Schuppen D und F) Gebäudetypen geführt, die damit eine unverwechselbare Gestalt bekommen haben, welche sie fest mit diesem Ort verbindet. Die Gestalt der Schuppen wird neben ihrer Proportion durch die massiven Sockel bzw. Laderampen und die flach geneigten Dächer mit ihren ungewöhnlich weit auskragenden Dachüberständen an der Traufseite bestimmt, die ursprünglich dem Schutz des Ladevorgangs an den Rampen dienten. Ein weiteres prägendes Element sind die massiv gemauerte Zwischenbauten, Brandwände und Giebelscheiben, deren architektonische Qualität bis ins kleinste Detail zunächst überraschen und uns dann beinahe beschämen, denkt man an das Gros heutiger Industrie- und Gewerbearchitektur…

Diese überraschende architektonische Qualität besitzt auch das historische

Brückenhaus an der Drehbrücke wegen seiner einprägsamen Verteilung der Baumassen mit dem überhöhenden Turmkörper und wegen der phantasievollen und schönen Wandgestaltung in Ziegelstein. Aufgrund seiner Lage am Beginn der Halbinsel, in dichter Korrespondenz mit der Bebauung am Altstadtrand, und weil es -trotz seiner bescheidenen Größe- einen gewissen Hochpunkt bildet, ist das Gebäude von herausragender Bedeutung für das städtebauliche Konzept der Halbinsel: es stellt sozusagen ein (städte-) bauliches Gelenk dar.

Gleisanlagen und Oberflächen aus Großpflaster prägen die Gestalt des gesamten „öffentlichen Raumes“ bzw. der Verkehrsflächen der gesamten Wallhalbinsel. Wegen der ursprünglichen Hafennutzung gibt es keine Unterscheidung der Funktionen in verschiedene Verkehrsflächen. Diese „Mischverkehrsfläche“ mit den einbeschriebenen Gleisanlagen ist damit unmittelbarer Ausdruck ihrer originären Bestimmung. Der gebogene Gleisverlauf und die ihrem Verlauf angepasste Bebauung verweisen direkt auf die ursprünglichen Anforderungen und lassen sich nicht trennen vom Umriss der Insel selbst bzw. ihrer Kaikanten.

 

Städtebauliches Konzept

Die beschriebenen ortstypischen Merkmale sollten nach unserer Überzeugung unbedingt erhalten und in der neuen Entwicklung fortgeschrieben werden. Hier ist nicht der Kontrast gefragt sondern ein Konzept des „Weiterbauens“ und Vervollständigens. In diesem Sinne schlagen wir vor, dicht an die bestehenden Gebäudetypologien anzuknüpfen, und sie schöpferisch neu zu interpretieren.

Das Hotel entwickelt sich am südöstlichen Rand wie ein Speichergebäude. Seine Breite orientiert sich an der Breite des Kaufmannsspeichers, seine Länge wird bestimmt durch den südlichen Gebäudeabschluss: dieser korrespondiert mit dem hohen Baukörper des Brückenhauses und bildet zusammen mit diesem zwei raumprägenden Kanten. Das Gebäude wird auf der Wasserseite-zusammen mit dem Sockel, auf dem es ruht, und der das Rampenmotiv aufnimmt- durch den Gleisverlauf geformt. Der Baukörper ist dreigeschossig und hat ein flach geneigtes Dach, das an den Köpfen die Gestalt der Giebelscheiben bestimmt. Der Sockelbaukörper schiebt sich nach Süden weiter heraus, um eine Terrasse auszubilden, die trotz der verkehrsnahen Lage einen gewissen Schutz bietet und beste Aussicht auf die Stadt bietet. Sie mündet in einer Stufenanlage auf den kleinen Platz, auf dem die Waage steht. Die barrierefreie Erschließung erfolgt auf der „Landseite“ über dem Sockel vorgelagerte Rampen.

Der Umriss des Medienhauses ist auch ganz dem Verlauf der Gleise unterworfen und von ihnen geformt. Daraus ergibt sich ein sich stark verjüngender kompakter Gebäudekörper, der eindeutig den Kopf der langen Kette der Speicher entlang des Kulenkampkais am Stadtgraben bildet. Diese städtebauliche Funktion als Kopf wird verstärkt dadurch, dass die Geschosse ab dem ersten Obergeschoss über die Gleise auskragen. Das Gebäude nimmt damit die Breite der auskragenden Dächer des Schuppens A auf. Diese Breite und die vier Geschosse geben dem Haus das notwendige städtebauliche Gewicht. Am nördlichen Ende bildet die zweigeschossige Ausformung des Baukörpers einen angemessenen Übergang zum Schuppen A.

Auch das Medienhaus steht auf einem massiven Sockel. In diesen Sockel ist im Süden die Rampe zur Tiefgarage eingeschnitten. Die Rampe wird über den südlich vorgelagerten Parkplatz erschlossen, was nach unserer Überzeugung zu einer wünschenswerten bzw. notwendigen Entflechtung der Verkehrsströme führt und die Hauptzufahrt auf die Halbinsel entlastet.

Im Nordwesten bildet das Gebäude des Strandsalons den Abschluss der Schuppen- Gebäudekette. Die deutlich kleinere Baumasse folgt auch hier dem Verlauf der Gleise und ergänzt sich mit einer Art Pergola des gefassten Außenraums zu einer größeren Struktur, die gleichzeitig nach Norden hin gleichermaßen „ausläuft“.

 

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